Der bereits dritte Teil der Wolfenstein-Reboot-Reihe des schwedischen Entwicklerstudios MachineGames erscheint am 27. Oktober weltweit – in zwei Versionen.

Wie der Vorgänger Wolfenstein: The New Order und das Spin-Off Wolfenstein: The Old Blood wird auch Wolfenstein II: The New Colossus von Bethesda Softworks, eine Tochterfirma von ZeniMax Media, veröffentlicht. In Deutschland repräsentiert ZeniMax Germany die amerikanische Muttergesellschaft und war auch immer Antragsstellerin für die USK-Kennzeichnung.

Themen in diesem Kommentar sind unter anderem: Entnazifizierung, Sprachverbote, Nutzungssperren, Jugendschutzausreizung, Parallelen zwischen USK und KFZ-Zulassungsstellen, die AfD als Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, und eine Lösungsmöglichkeit.

 

Ist die deutsche Version von Wolfenstein 2 zensiert?

Ja, natürlich. Auch wenn die Industrie gerne mal eine gewalttechnisch unangetastete, aber nur um einschlägige Kennzeichen des Dritten Reiches befreite Version als „uncut“ anpreisen will oder zumindest nicht als problematisch ansieht, kann klar gesagt werden, dass für die deutsche Version sicherlich die (Selbst-)Zensur-Schere gezückt wird.

Der Zensur-Hinweis entstammt übrigens der Steam Store-Seite von The New Order, denn The Old Blood und Wolfenstein 2 bieten keinen. Auf der österreichischen Angebotsseite von The New Order wird ein Gesetzesverweis ausgespart, aber dafür mit Ausrufezeichen entnazifiziert: „Entnazifizierte Version! Historische, faschistische Symbole wurden durch nicht minder atmosphärische Alternativen ersetzt. Nur auf Deutsch verfügbar.“.

Und ja, es ist „Zensur“. Wenn das Grundgesetz in Artikel 5 Absatz 1 feststellt, dass Zensur nicht stattfindet, meint es die Vorzensur; wenn wir von Zensur sprechen, meinen wir die legale Selbst- oder (manchmal) Nachzensur unter den Schranken von Absatz 2.

Die Andersartigkeit der deutschen Version wird zumindest schon dadurch deutlich, dass sie offiziell auf Steam den Zusatz „German Edition“ trägt, und wie ein vollkommen eigenständiges Spiel behandelt wird: eigene App-ID, eigene Store-Seite, eigene Achievements, eigenes Diskussionsforum, eigenes Steam-Hub für nutzergenerierte Screenshots und Artworks, eigene User-Reviews und so weiter. Die „German Edition“ wird sicherlich wieder unter hohem Aufwand regelrecht parallel entwickelt: Jedes Asset wird mehrmals (juristisch) geprüft, was der Angst geschuldet ist, dass auch nur ein einzelnes strafrechtlich relevantes Symbol durchrutscht, wie z.B. beim 2009er Wolfenstein-Teil veröffentlicht von Activision.

Es darf vergleichend ein Blick in die veröffentlichten Marketing-Materialien geworfen werden: Hakenkreuze, SS-Runen und -Totenköpfe, sowie weitere bekannte Kennzeichen, die unter § 86a StGB erfasst sind, aber auch nicht kriminalisierte wie Eiserne Kreuze der Wehrmacht, die auch in abgewandelter Form von der Bundeswehr genutzt werden und öfter mal als Substitut bei anderen Spielen herhalten, werden wiedermal konsequent gegen fiktive Wolfenstein-Entsprechungen ausgetauscht. Auch strafbewehrte Parolen, der Hitlergruß oder Kopfbilder von Hitler werden natürlich angepasst.

Ob diese Teils noch auf einer rechtlichen Basis aufbauende Symbolzensur einen „Atmosphäre“-Verlust darstellt, oder darstellen sollte, muss allerdings jeder für sich selbst entscheiden.

Kurios muten vor allem die weitreichenden Story-Anpassungen an, wie sie auch aus den offiziellen Presseartikeln hervorgehen. Jede zu offensichtliche Referenz um den Kontext des Dritten Reichs herum wird in den „German Editions“ verfremdet.

Eine unvollständige Liste: Aus „Nazi“ wird „Regime“, aus Germania eine generische Hauptstadt, der „Führer“ wird schlicht zum Staatsoberhaupt, das nach seiner Gattin benannte, fiktive Nazi-Boot „Evas Hammer“ heißt nun „Hammerfaust“,  und das ebenso fiktive, in Kroatien befindliche „forced labor camp Belica“ wird zum „Lager Selo“,  da vermutlich die sprachliche Nähe zum historischen KZ Banjica in Serbien zu groß war (und obwohl es die kroatische Stadt Dugo Selo gibt). Auch historische Jahreszahlen und Ortsangaben werden teils entfernt. Ferner tauft man, warum auch immer, sogar die „Supersoldaten“ entlehnt aus dem Sci-Fi-Bereich zu „Maschinensoldaten“ um. Am anderen Ende des Spektrums operiert die Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreis nun als „Wiesenau-Kreis“ und bei The New Order wird der „allied schweinhund“ zum „elendigen Schweinehund“.

Entwarnung darf für Mitglieder des rassistischen Ku-Klux-Klans gegeben werden: Diese dürfen in allen Versionen von Wolfenstein 2 ihre berüchtigten weißen Roben mit Feuerkreuz-Symbol spazieren tragen.

 

Englisch wird abgeschafft

“Das Regime schafft Englisch als Landessprache ab, macht sie sogar illegal, und unterhöhlt alle amerikanischen Symbole”, meint Matthies [Creative Director von MachineGames, Anm. d. R.], “Das dient alles dazu, das freie Amerika zu verteufeln und die Regime-Ideologie zu verherrlichen.” (Quelle)

Regelrechte Schnitte stellt man bei den angebotenen Sprachfassungen fest. Deutsche Konsumenten solllen mit der deutschen Fassung auskommen: „German… or Else!“, wie in der Gameshow-Parodie aus dem entsprechenden Trailer und im Titelbild dieses Textes.

Dies stellt einen Verlust von neun Sprachversionen dar.

Am problematischsten ist natürlich das Fehlen des Englischen für O-Ton-Liebhaber. Dafür bietet die „German Edition“ allerdings als einzige eine deutsche Lokalisierung an. Schweizer Steam-Kunden haben wegen ihrer Mehrsprachigkeit Glück, sie bekommen beide Spiele zum Preis von einem. Österreich ist hingegen, zumindest bezogen auf das Steam Store-Angebot, ein Leidensgenosse, so heißt es auch dort: „English language not supported“.

Bedingt durch die komplette Entnazifizierung der „German Edition“ werden auch alle deutschen Dialoge neu aufgenommen. Die Stimme von Frau Engel z. B. stammt somit nicht mehr von Nina Franoszek, sondern von Tina Eschmann. An dieser Stelle sei übrigens den Autoren des entsprechenden Presseartikels gratuliert, dass sie es geschafft haben, KZ-Wachen und Punkrockerin Nina Hagen in einem Satz unterzubringen: „So begann Franoszek, von außen nach innen zu arbeiten und recherchierte alles Mögliche, von Wachen in Gefangenlagern [sic] bis hin zur Stimme der Punkrockerin Nina Hagen“.

Um die Sprachverwirrung perfekt zu machen, sei noch der Hinweis erlaubt, dass der Vorschau-Teil des Store-Angebots der „German Edition“ zum jetzigen Zeitpunkt immer noch auf Italienisch ist. Vielleicht sind deutsche Steam-Nutzer wirklich Kunden zweiter Klasse.

Deutsche Nutzer müssen draußen bleiben

Nicht nur die offiziell hochgeladenen, internationalen Videos auf YouTube sind gesperrt, sondern auch die Aktivierung und Nutzung der originalen PC-Versionen mit Steam-DRM-Zwang. Für Wolfenstein 2 wird dies nicht anders sein; es war schon vor offiziellem E3-Reveal des Shooters klar: „German… or Else!“.

Aber was „sonst“? Eigenimport der unzensierten Version ohne Verbreitungsabsicht, ohne Absicht der Abgabe an Minderjährige, ist ohnehin sicherlich legal, sind es doch (nur) Verbreitungsverbote. Was nicht bedeutet, dass die Verbreitung der internationalen Version in Deutschland „strictly illegal“ wäre, weil sie ein paar verbotene Kennzeichen und entsprechenden Kontext auffährt; auf die Idee kommen vielleicht Mitarbeiter von Bethesda bzw. ZeniMax, sowie manche Redakteure und Kommentatoren. Selbst bild.de-Leser wissen mehr, wenn sie denn die Paywall bewältigen und das Interview mit Rechtsanwalt Marian Härtel lesen (eine inhaltliche Auseinandersetzung befindet sich hier in unserer Steam-Gruppe).

Steam Gifts ausländischer Nutzer sind keine besonders gute Option, um an Wolfenstein 2 zu kommen, wobei hier EU-Gifts wohl nur den IP-Abgleich vornehmen, Gifts aus Nordamerika z. B. aber die Store-Region abfragen. Nach Änderungen vor einiger Zeit ist das ohnehin diffuse und von Valve bewusst marginalisierte Gifting-System nun noch weniger nützlich.

Die komplette Store-Region zu ändern, auch um einen regulären Store-Kauf zu ermöglichen, ist etwas aufwändig, aber auch möglich.

Am einfachsten ist immer noch die Aktivierung eines internationalen Keys, den man auch bei manchen autorisierten Resellern mit deutscher IP-Adresse und Zahlungsart kaufen kann. Falls es die Retail-Version sein soll, sollte der Eigenimport aus dem EU-Ausland erfolgen, sonst könnte der Zoll die Sache schnell verkomplizieren – unterstellte Verbreitungsabsicht.

Auf den Konsolen haben Wolfenstein-Fans es leicht, die Originalversion wird ohne Weiteres laufen, und die Ländereinstellung für Download-Käufe lässt sich leicht(er) ändern. Es existieren technisch de facto auch gar nicht die restriktiven Sperrmöglichkeiten wie auf Steam. Jene Blacklist für deutsche Nutzer, welche zum ersten mal vermutlich von Capcom für Dead Rising 2: Off The Record gefordert, und dann höchstens kurzzeitig genutzt wurde, und die Valve, ausgehend von der Formulierung des Hinweises, auch nur widerwillig implementierte. Sonst greift nur Square Enix auf diese besonders restriktiven Sperren zurück. Alle anderen Anbieter sperren höchstens die Key-Aktivierung für deutsche Nutzer, nicht auch den Download und Programmstart; siehe auch diese Liste.

 

Welche Optionen bleiben PC-Nutzern mit Steam-DRM-Zwang also, wenn sie einen Anspruch auf die unverfälschte Version stellen?

Mit VPN-Programm Steam starten und einen internationalen Key aktivieren. Hier kommen diverse Gratis-Anbieter in Frage: Hotspot Shield, FlyVPN, CyberGhost, oder gleich den Browser Opera mit integriertem VPN (seit Kurzem können Keys direkt im Browser aktiviert werden). Ob der gewünschte VPN-Anbieter vertrauenswürdig ist, steht auf einem anderen Blatt.

Problematisch ist das Steam Subscriber Agreement (SSA), dass nach weitläufiger Meinung die Nutzung solcher technischen Mittel für quasi alle Zwecke verbietet: „Sie verpflichten sich, weder ein IP-Proxying noch ein sonstiges Verfahren einzusetzen, um den Ort Ihres Wohnsitzes zu verschleiern, […]“. In der Praxis ist allerdings kein einziger Fall bekannt, bei dem Valve durchgegriffen hat, wenn es um die simple Aktivierung von Keys geht.  Auch der Autor dieser Zeilen darf seinen Steam-Account noch nutzen.

Anschließend wartet man die 90 Tage ab, bis die Start- und Download-Sperre aus unklaren Gründen nicht mehr greift.

Da dies für White- und Blacklists aller Art seit einiger Zeit gilt, haben nicht nur gebeutelte deutsche Nutzer dieses Privileg; es gilt ferner auch für verbilligte Keys mit Sperre für z. B. nicht-russische IP-Adressen, was den Rückgriff auf eine besonders günstige Lizenz von umstrittenen unautorisierten Resellern mit entsprechend eingestelltem VPN prinzipiell erleichtert. Ein solches Angebot für Wolfenstein 2 fanden wir nicht, und wenn wir eines finden, würden wir es nicht verlinken – aus guten Gründen.

Für alle die nicht warten wollen: Glücklicherweise läuft der Download auch ohne VPN weiter, wenn man ihn einmal startet. Dies funktioniert sogar sitzungsübergreifend mit leichten Einschränkungen: Man kann den Download mit deutscher IP-Adresse nicht abbrechen, da er nicht in der Download-Liste auftaucht.

Ist er allerdings vollständig beendet, kann Wolfenstein 2 mit nicht-deutscher IP-Adresse gestartet werden; ohne diese ist der Eintrag ausgegraut und wird wie nicht-installiert angezeigt. Wird die VPN-Verbindung gekappt, läuft das Spiel weiter, man wird aber nicht mehr als in-game angezeigt. Etwaige Achievements werden dadurch nicht regulär freigeschaltet, d. h. höchstens erst, wenn man wieder mit nicht-deutscher IP-Adresse online geht, und auch wird die Spielzeit auf dem Steam-Profil nicht richtig erfasst.

Dies gilt auch, wenn Steam mit ausländischer Internet-Verbindung komplett in den Offline-Modus gewechselt wird, was vielleicht die praktikabelste Möglichkeit darstellt, da so nicht bei jedem Start das VPN-Programm genutzt werden muss. Da auch Wolfenstein 2 keinen Multiplayer bietet und wohl auch keine kreativen Online-Einbindungen hat, geht in diesem Sinne nichts verloren.

Alternative 1: Legale Kurzurlaubsaktivierung. Wer an der deutschen Grenze wohnt, hat Glück. Hier reicht sogar Österreich, das nicht ausgesperrt wird. Kurz rübergemacht, oder nur in einer Grenzregion eine ausländische IP-Adresse ergattert, und die Aktivierung kann prinzipiell vorgenommen werden. Eine Verschleierung nach SSA findet so wohl kaum statt. Anschließend folgt allerdings auch die 90-Tage-Gängelung.

Alternative 2: Accountweitergabe zwecks Aktivierung. Auch dies ist wohl ein Verstoß gegen das SSA und zudem braucht es schon einiges an Vertrauen. Unautorisierte Reseller bieten diese Dienstleistung allerdings öfters mal an. Auch hier greifen die 90 Tage.

Sonstige Optionen:

Raub(mord)kopie Schwarzkopie der internationalen Version bzw. Crack dieser. Manch einer nennt es Notwehr, ein anderer Diebstahl. Die Industrie weint, die EU-Kommission versteckt Studien, die Abmahnindustrie in Deutschland floriert (immer noch) und die Störerhaftung machte unser digitales Entwicklungsland zur WiFi-Wüste. Wer Torrents nutzt, sollte aufpassen. Schon bei minimalsten Upload von fragmentiertem Datenmüll können abgemahnten Anschlussinhabern Forderungen im höheren dreistelligen Bereich ins Haus flattern. Aus guten Gründen und wegen moralischen Bedenken werden wir auf diese Option auch nicht weiter eingehen.

Uncut-Patch für die „German Edition“. Auch solch einen inoffiziellen Patch/Crack wird es mit Sicherheit wieder geben. Wer sich die Mühe machen will, vielleicht sehr großen Dateien von One-Click-Hostern zu laden, der kann hierauf zurückgreifen. Natürlich ist auch dies eine strafbare Urheberechtsverletzung.

Ultraviolence wie beim Vorbild Tarantino

Die „Gewaltzensur“ in The New Order, also die Entfernung zweier abgemagerter Leichen auf den Weg in einen Verbrennungsofen unter denen begraben der Spielercharakter, B.J. Blazkowicz, aufwacht, entpuppt sich bei näherem Blick als Teil der Tilgung aller zu offensichtlichen Referenzen an das Dritte Reich – denn wie wird jenes Unrechtsregime schon besser charakterisiert als über die auf industrialisierte Weise begangenen Verbrechen gegen die Menschheit.

Der zynische Selektionsprozess arbeitsfähiger Gefangene – unter denen B.J. dank seiner trotz 14 Jahren des Wachkomas erhaltenen, muskulösen Statur fällt – und die Zwangs-Tätowierung mit einer Gefangenennummer sind allerdings erhalten geblieben. Ganz zu schweigen von den unheilvoll rauchenden Schornsteinen im „Lager“. Auch die „German Editions“ thematisieren das Dritte Reich und den Nationalsozialismus.

Abtrennbare Gliedmaßen, explodierende Köpfe, Blutfontänen. Gewalttaten begangen durch die Nazi-Regime-Soldaten und B.J. sind bei den neueren Teilen der Ego-Shooter-Reihe immer intakt geblieben; hochoffiziell heißt es „Keine Jugendfreigabe gemäß § 14 JuSchG“ und damit sind sie in dieser Terminologie vielleicht entwicklungsbeeinträchtigend für Jugendliche, aber nicht jugendgefährdend und schon gar nicht gewaltverherrlichend. Also alles kein Problem, sie können und dürfen „extrem stolz“ auf ihre „»Uncut«-Linie“, also auf den hohen Gewaltgrad sein: „Die expliziten Grafikeffekte sind auch in der hiesigen Fassung ungeschnitten!“ („Grafikeffekte“). Die Möglichkeiten des deutschen Jugendschutzes seien sicherlich voll ausgereizt worden. So Bethesda im Interview mit der Gamestar zu The New Order vor drei Jahren.

Eine solche Ausreizung wird natürlich am ehesten erreicht, indem direkt mit „unabhängigen Experten“ wie dem Spiele-TÜV USK kooperiert wird. So wurde damals auch die wichtige Nicht-Trivialisierung und -Glorifizierung der nationalsozialistischen Verbrechen scheinbar verbrieft (in der entnazifizierten Version).

Die Beratungsleistungen der USK kosten für USK.Online-Mitglieder, wie ZenixMax Germany eines ist, maximal 100€/h. Als Teil der „Analyse und Bewertung von konkreten Spielinhalten“ werden auch „konkrete Umsetzungshinweise“ angeboten. Die Industrie nutzt dieses Angebot seit längerer Zeit gerne. Auch der vierte Teil der Dead Rising-Reihe von Microsoft, welcher als erster durchaus überraschend nicht mehr nach dem Gummiparagraphen 131 StGB strafrechtlich relevant, nicht mal mehr indizierungsfähig auf Grund von Gewaltdarstellungen sein soll, und damit freigegeben werden konnte, lässt im Detail bestimme Features der Vorgänger missen.

Angesichts dieser engen Kooperation kann für Wolfenstein 2 in Bezug auf Gewaltschnitte in der „German Edition“ Entwarnung gegeben werden.

Was die USK in der Beratung verspricht, wird beim Prüfer-Gremium und den Ständigen Vertretern der Obersten Landesjugendbehörden – welche den hoheitlichen Verwaltungsakt vornehmen – schon durchkommen (davon abgesehen, dass mittlerweile durchaus sehr vieles durchkommt).

Auch wenn MachineGames behauptet, sie würden sich im kreativen Prozess nicht selbst zensieren, wurde der Industriestandard für Gewaltdarstellung ohnehin schon vor einiger Zeit gesetzt; postmortale Gewalteinwirkung sei hier ein Stichpunkt.

Regulierte Selbstregulierung ist ein bewährtes Prinzip, die USK eine Erfolgsgeschichte. Die Jugendschutzreform und scheinbare Verschärfung veranlasst durch das Erfurter Schulmassaker vor 15 Jahren ermöglichte durch die geschaffene Rechtssicherheit, also Schutz vor Indizierung der BPjM, nicht nur, dass sukzessiv mehr und mehr Gewalt freigegeben werden konnte und damit eine gesellschaftliche Akzeptanz für eben jene im jungen Medium geschaffen wurde (Kritiker behaupten, die USK habe der BPjM das Wasser abgegraben). Es wurde auch der internationale Standard geprägt und die USK selbst ist vielleicht etwas Stolz darauf:

In 0,2 Prozent der Prüfverfahren verweigerte die USK in 2014 ein Kennzeichen, da eine Indizierungsrelevanz nicht ausgeschlossen werden konnte. Damit bewegt sich dieser Anteil weiterhin auf sehr niedrigem Niveau. Dies zeigt, dass sich die Unternehmen immer besser auf deutsche Jugendschutzkriterien einstellen und diese bei der Entwicklung von Spielen für den internationalen Markt bereits von Anfang an mit einbeziehen.

Um allerdings nun doch einen Restzweifel zu streuen, sei auf den offiziellen PR-Artikel „21 Dinge, die ihr wissen müsst“ verwiesen. Anders als beim Thema Nationalsozialismus und Drittes Reich, bei dem an allen Ecken und Enden im Detail umformuliert und geglättet wurde, sticht diese übersetzerische Freiheit hervor, und findet sich auch nur in der deutschen Übersetzung wieder. Es wird die Möglichkeit unterschlagen, dass mit einem Beil auch Gliedmaßen abgehackt werden können. Nebenbei wurde die Aussage des CEOs von MachineGames, Jerk Gustafsson, umgebaut, um ihr etwas Schärfe zu nehmen:

“You can do a takedown and then use the hatchet to cut off a limb, which is a very rewarding feeling,” Gustafsson says. “Especially when you do it on a commander.”

“Du kannst einen Gegner überwältigen und anschließend mit dem Beil erledigen”, meint Gustafsson, “Vor allem bei Kommandanten ein sehr befriedigendes Gefühl.”

Update: Wie zu erwarten, wurde offiziell Keine Jugendfreigabe erteilt. Die Gewalt und Gewaltdarstellung sei ungeschnitten. Damit kann die „German Edition“ öffentlich verkauft werden – allerdings nur an Erwachsene. Auf Steam reicht dann sogar ein simples Age-Label nach Vorgaben des JMStV aus (§ 5 Abs 3. Nr.1), welches faktisch kaum Schutzwirkung bietet.

Fazit: Zensur und Geolock

Abschließend bleiben die ewigen Fragen nach dem warum. Warum bekämpft B.J. in der „German Edition“ „das Regime“, wenn das Gebotene als Film oder TV-Serie mit vergleichbarem Aufwand für die FSK sehr wahrscheinlich unverdächtig wäre – Indiana Jones, Hellboy, Inglourious Basterds, Iron Sky, The Man in the High Castle, South Park? Die Antwort kann auch kurz gehalten werden: weil es halt so ist – Spiele sind halt keine Filme.

Ob Spiele allgemein oder im Einzelfall nun Kunst, Kultur, reine Unterhaltung, Spielzeug, oder allesamt interaktiver Schund sind, ist egal, unabhängig von allen Verbotsvorschriften und ihren Ausnahmeregelungen. ZeniMax Germany ist Mitglied des Publisherverbandes BIU, welche Gesellschafter der GmbH ist, die die USK trägt. Inoffiziell, d.h. unabhängig von staatlichen Verwaltungsakten, gibt die USK im Beratungsdienst den Daumen hoch oder runter.

Der Hinweis auf die Möglichkeit einer ungeprüften Veröffentlichung ist besonders in diesem Fall ein Feigenblatt. In der Praxis wäre solch eine Distribution wirtschaftlich unmöglich, durch Pattformbetreiber und Distributoren ungewünscht, und rechtsunsicher; Selbstregulierung funktioniert nur, wenn es Anreize gibt, sich regulieren zu lassen.

Die USK erinnert an KFZ-Zulassungsstellen: „SS“, „SA“, „HJ“ und mancher Orts „88“ verstoßen gegen die „guten Sitten“ und werden daher nicht zugelassen; unabhängig, ob die Kombinationen wirklich für Nazi-Code oder doch nur private Initialen und Geburtsjahr stehen. Wenn in Nürnberg „PD“ seit Jahren offenbar verboten ist, obwohl die rechtsextreme Partei demokratisch wählbar bleibt, dann ist es so.

Wenn die USK empfiehlt, „Nazi“ und „Hitler“ sollen No-Go-Wörter sein, dann folgt man ihren guidelines“, wenn ein böser Nazi gegen einen weniger bösen ausgetauscht werden soll, dann wird dem „request“ nachgekommen; (selbst ausländische) Anbieter gehorchen den Dogmen der vermeintlichen Zensurbehörde gerne. Ausnahmen bestätigen die Regel und rechtliche Erklärungen stehen auf wackligen Beinen – Volksverhetzung oder vielleicht doch Propagandamittel?  Wer verharmlost hier was? Und wenn die USK aufgrund einer veralteten, fragwürdigen Einzelfallentscheidung eines OLGs im Jahr 1998 pauschal keine Titel mit einschlägigen Symbolen zur Kennzeichnung zulassen will, dann ist es so.

Ob der Eiertanz für alle Beteiligten irgendwann zu blöd wird?

Auf ein Wunder sollte jedenfalls keiner hoffen. Eine Änderung der Rechtsprechung kommt nicht aus dem Nichts. Wenn „die Industrie“, BIU und auch G.A.M.E. als Gesellschafter der USK, sich hinter verschlossenen Türen einigen würde, dass etwas geschehen muss, dann geschieht etwas. Am einfachsten wäre vielleicht immer noch, eine juristische (Zusatz-)Prüfung wie die SPIO/JK aus dem Filmbereich einzuführen. Dann wird über dem USK-Gütesiegel zusätzlich ein „strafrechtlich unbedenklich“ gedruckt, im Ernstfall läge wegen des unabhängigen Experten-Gutachtens hoffentlich ein strafloser Verbotsirrtum vor, und manchen Spielern fallen vielleicht nicht die Augen aus dem Kopf, wenn sie im Spiel Hakenkreuze erblicken (auf den Retail-Packungen hat es international übrigens nach Wolfenstein von 2009 ohnehin keine mehr gegeben). Ob dann die große „Nazi-Spiel-Debatte“ losbricht, muss sich zeigen, vereinzelte Kritik wird sicherlich aufflammen, manche Telefone heißlaufen.

Selbst dem Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler (VDVC e.V.), mit dem diese Plattform verbandelt ist, ist die Sache irgendwie zu heiß, sonst würden sie wohl mehr darüber berichten und die Anpassungen in ihren jährlichen Zensur-Statistiken beachten. Niemand will sich für „Nazi-Spiele“ einsetzen. Niemand?

Ob die Alternative für Deutschland (AfD) die Lösung brächte, wenn sie denn – zum Schrecken des Deutschen Kulturrates – den Vorsitz des Kulturausschusses im Bundestag übernehmen würde, wie manche Kommentatoren spotten? Eine gewisse Affinität für nationalsozialistische Parolen und Sprache – sowie entlarvende (KFZ-)Kennzeichen  ist bei manchen Parteimitgliedern schon mal gegeben, doch setzt sich die AfD bekanntlich auch dafür ein, die deutsche Erinnerungskultur zu „erweitern“. In dem Sinne dürften sie die entnazifizierte „German Edition“ des „anti-Nazi Shooter“ bevorzugen, welche jede zu offensichtliche Erinnerung an das Unrechtsregime auszusparen versucht.

Wen der Geolock stört, dem sei schließlich noch empfohlen, nicht reflexartig auf angebliche Gesetze zu verweisen, die diese Sperrungen nicht vorschreiben würden. Kurioserweise werfen dies manchmal auch Nutzer ein, die gleichzeitig behaupten, die Gesetze verbieten Hakenkreuze und co. in Videospielen. Solch spezifische Gesetze wären vielleicht wünschenswert, sind aber nicht die Realität. Wenn Wolfenstein 2 wirklich unter eines der relevanten Verbreitungsverbote fällt, dann ist der kontroverse Geolock vielleicht doch tatsächlich nachvollziehbar, immerhin besteht mit ZeniMax Germany der direkte Inlandsbezug und etwaige Verbotsvorschriften sind vage genug in Bezug auf die Grenzen der Zugänglichmachung in DRM-Systemen. Dies soll an dieser Stelle auch nicht weiter Thema sein, denn zumindest schaffen die Sperren Aufmerksamkeit für das eigentliche Problem: Es lohnt sich eher, für die Legalität des gegenständlichen Spieles zu argumentieren, denn das führt den Geolock auch ad absurdum.

Für MachineGames steht ohnehin fest, Wolfenstein II: The New Colossus ist Teil ihrer „art form“.

 

Ergänzung: Folgender Artikel vom 25.09., erschienen auf Eurogamer, ist im Übrigen lesenswert: „Warum ich einfach nicht Wehrmacht spielen mag“. Thematisiert und kritisiert wird das Strategiespiel Sudden Strike 4. Interessanterweise konnte dieses, ungekürzt, eine USK-Freigabe ab 16 Jahren erhalten (siehe Angebote auf Amazon.de) – vermutlich gerade weil es die Verbrechen der Wehrmacht ausspart.
Hinweis: Dieser Kommentar gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und entspricht nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion.