Wenn die Kunstfigur PewDiePie durch die (Online-)Medien geistert, dann sind entweder neue Entgleisungen oder Berichte über Umsatz- und Abonnentenrekorde zu erwarten. Die Äußerungen des 27-jährigen Let’s Players aus Schweden, mit bürgerlichen Namen Felix Arvid Ulf Kjellberg, brachten ihn zuletzt Anfang diesen Jahres in Konflikt mit klassischen Medien wie dem Wall Street Journal, als er über einen Bezahl-Internetdienst, aus Spaß selbstverständlich, allen Juden den Tod wünschte („death to all jews“). Die Folge des kontroversen Scherzes  war, dass sich sein Partnernetzwerk Maker Studios, im Besitz des Disney-Konzerns, von ihm trennte. Sein Quasi-Arbeitgeber, YouTube, zog auch Konsequenzen, schränkte seinen Werbestatus ein und brach seine Premium-Show auf YouTube Red ab. Dem Großteil seiner über 57 Millionen Abonnenten scheint dies weniger zu stören.

Diese und weitere Ausschreitungen wurden vor Kurzem durch den nächsten Skandal in der Causa PewDiePie ergänzt. Beim Streamen des überaus populären Shooters „PUBG“ auf Twitch rutschte Kjellberg das verpönte N-Wort raus. Damit ist nicht das deutsche N-Wort gemeint, immerhin hat Kjellberg erst im letzten Monat nach den Vorfällen in und um Charlottesville versprochen, keine Witze mehr über dieses Thema zu machen. Vielmehr geht es um die amerikanische Version des N-Wortes, an der auch die berüchtigte Federal Communications Commission (FCC), welche die Verwendung  von Tabu-Begriffen im amerikanischen Free TV sanktioniert, Anstoß finden dürfte. Für Twitch an sich scheint die vereinzelte Benutzung des Wortes offenbar kein Problem darzustellen.

 

DMCA-Takedown als Erziehungsmaßnahme?

Anschließend hat sich der komplett unbeteiligte Co-Gründer des amerikanischen Entwicklerstudios Campo Santo eingeschaltet. Sean Vanaman kündigte als Reaktion an, die ihm gegebenen Rechte auf YouTube zu nutzen, um Kjellbergs Let’s Plays des First-Person-Adventures „Firewatch“ entfernen zu lassen. YouTube folgt im Selbsterhaltungstrieb dieser für bekannte Rechteinhaber recht simple Maßnahme tendenziell blind, der beschuldigte Anbieter hat schließlich anschließend die Möglichkeit des Widerspruchs. Derartige Takedowns nach Digital Millennium Copyright Act (DMCA) wurden in der Vergangenheit auch nicht nur genutzt, um klare Urheberechtsverstöße beheben zu lassen, sondern auch missbraucht, um unliebsame Kritiker zum Schweigen zu bringen: Digital Homicide gegen Jim Sterling sei hierzu erwähnt.

 

Three strikes, you’re out

Wer sich nicht (mehr) auf den Rückhalt eines Netzwerks verlassen kann, gilt auf YouTube als vogelfrei. Schnell werden Restriktionen auferlegt, gegen die es schwerer ist, sich zu wehren. Baseball oder Urheberrecht, nach drei Strikes hintereinander ist Schluss, dann wird laut Nutzungsvereinbarung der Kanal von YouTube endgültig terminiert. YouTube hat dem DMCA-Antrag von Campo Santo stattgegeben, die entsprechenden Videos, welche offenbar vorher lediglich aus Gefälligkeit auf privat gesetzt wurden, sind offiziell gelöscht worden. Da Kjellberg sich allem Anscheinen nach nicht wehren will, ist das informelle Urteil sozusagen rechtskräftig, und er hat momentan einen Strike auf dem Kerbholz. Genug finanziellen Rückhalt für einen Prozess hätte der Schwede sicherlich, wenn er diesen provozieren wollen würde: laut Forbes hat Kjellberg im Jahr 2016 über 15 Millionen Dollar verdient. Sollten zwei weitere DMCA-Takedowns in den nächsten 90 Tagen durch andere Anbieter eintreffen, dann hätte er vielleicht keine Wahl.

 

(Un)fair Use – (Un)angemessene Verwendung

Die Basis für eine mögliche Verteidigung liegt im sagenumwobenen amerikanischen Prinzip des Fair Use. Dieses erlaubt die Übernahme und Einbindung fremder Werke unter vier wesentlichen Gesichtspunkten. Verknappt und keineswegs absolut nach der Zusammenfassung von Common Sense Media:

  1. „Add new meaning and make it original“
  2. „Use a small amount“
  3. „Rework and use in a different way“
  4. „Use for nonprofit purpose“

Verteidiger der Anwendbarkeit der Fair Use-Regelung argumentieren, dass Kjellbergs „Firewatch“-Reihe transformativ sei. Dies ähnelt unbewusst der verzwickten Frage, ob Let’s Plays von teilweise nur noch auf dem Papier jugendgefährdenden, also indizierten Computerspielen in Deutschland nach Jugendmedienschutz-Staatsvertag (JMStV) zulässig sein können, da sie durch (entlastenden) Kommentar des Spielenden, Schnitt, optionale Bearbeitung (vor allem die so genannte Facecam) und schlicht dem Fakt, dass es sich um ein interaktives Medium handelt, also jeder Durchgang einzigartig sein dürfte, zu einem eigenständigen Werk avancieren. Gewisse Altlasten gibt es jedenfalls sicherlich noch auf dem Index, da die Fristen mit 25 Jahren wesentlich zu lang sind: River Raid zum Beispiel konnte nach vorzeitiger Listenstreichung nach 18 Jahren der Ächtung eine USK-Altersfreigabe ab 0 Jahren erhalten. Nicht bei allen Spielen finden sich allerdings Rechteinhaber für eine vorzeitige Streichung, vor allem nicht solche, die bereit sind, die vierstelligen Gebühren und sonstigen Kosten und Auslagen zu tragen.

Der Videospiel-Anwalt Ryan Morrison vertritt nachvollziehbar in seinem Podcast „Robot Congress“ die Position, dass Fair Use in diesem Fall eher nicht greife. Auch die allgemein formulierte und öffentlich einsehbare Duldungserklärung der Rechteinhaber sei ab Zeitpunkt der Geltendmachung der Ansprüche nicht entscheidend, da sie jederzeit ohne Weiteres zurückgezogen werden könne. Die doch zum nicht geringen Teil jugendlichen Fans der Figur PewDiePie, welche über 12 Millionen Follower auf Twitter hat, sahen das teilweise anders und reagierten wenig wohlwollend auf anderslautende Meinungen, wie Morrison auch monierte.

Guckt man sich auf YouTube gar etwas um, dann finden sich zuweilen auch hoffentlich wenig ernstgemeinte Fair Use-Behauptungen unter Inhalten, die wohl klare Urheberechtsverstöße darstellen. So werden komplette Spielfilme oder Dokumentationen geschickt am automatisierten Content-ID-System vorbei gemogelt und mit Verweis auf die Regelung online gestellt, gerne unter ausführlicher Zitierung – die Veröffentlichung sei geschützt als Bildung, Unterhaltung oder Parodie.

 

Fair Use ist kein Digital Native

Doch sollte Fair Use hier greifen? Ist es gar hoffnungslos veraltet? Viele Kommentatoren aus der Branche scheinen dem zuzustimmen. Erfolge gar ein negatives Grundsatzurteil eines vielleicht wenig internetaffinen Richters, sei dies der Untergang des digitalen Abendlandes. Sicherlich wären die Auswirkungen verheerend, die allermeisten Let’s Plays und ferner auch Live-Streams erfolgen ohne konkreten Nutzungsvertrag, oft unter der simplen Annahme einer Duldung, auch durch Akteure, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Vor allem kleinere Anbieter, die kein großes Netzwerk im Rücken haben, die keine Verträge mit guten Konditionen aushandeln können, die keine weiteren Standbeine oder Kanäle etablieren konnten, wären am stärksten betroffen. Rechtssicherheit fühlt sich jedenfalls anders an. Alles in allem scheint Fair Use dem deutschen Zitatrecht gar nicht allzu unähnlich und die Situation im Land der unbegrenzten Möglichkeit nicht wirklich besser (siehe auch die entsprechenden Wahlprüfsteine des VDVC e.V.).

 

Was ist fair?

Warum ist es überhaupt scheinbar selbstverständlich, sich ein Computerspiel (kommentiert) vollkommen zu eigen machen zu können aber kein Film, keine Episode einer TV-Serie? Konkret: Wieso wird es weitreichend geduldet, Telltales Umsetzung von HBOs „Game of Thrones“ komplett in Full-HD-Qualität aufzuzeichnen und ungefragt zur Verfügung zu stellen, aber nicht die nicht weniger spannende Serie mit persönlichem Audiokommentar?  Unbefriedigend scheint die Erklärung, dass Computerspiele nun mal anders, interaktiv, seien. „Firewatch“ ist im Grunde ein so genannter Walking Simulator, ein Genre, das vielen durch „Dear Esther“ bekannt wurde, und auch Telltales‘ Adventures sind eher interaktiver Film als Spiel, ausgestattet mit der Illusion der Entscheidungsfreiheit. Wie groß ist die Motivation, die Spiele noch zu spielen, wenn ihr Reiz in der einmaligen Erschließung der Geschichte liegt?

Ein Argument ist, dass die Fans ihren Idolen nicht wegen des Spieles zugucken, sondern wegen ihrer Persönlichkeit. Dies ist empirisch nicht von der Hand zu weisen: Es scheint regelrecht egal, was Größen auf YouTube vorspielen, konsumiert wird alles, teilweise millionenfach. Selbst das kurzzeitig auf Steam erhältliche Witz-Programm „Watch Paint Dry“ dient als Let’s Play-Vehikel. Der Kommentar selbst schweift dann ohnehin meist ab, Gott und die Welt wird zum Thema ernannt, das Spiel zum Bildschirmschoner degradiert. „Firewatch“, als Beispiel, wurde wohlwollend rezipiert, manch einer dürfte es für ein Kunstwerk halten. Wenn das Spiel dann so egal ist, warum wird nicht gleich ein Podcast aufgenommen, ein schwarzer Bildschirm ausgestrahlt, und die Zuschauer dürfen beim Hören selbst spielen? Wofür braucht es in diesen Fällen überhaupt Fair Use?

Fraglich ist auch die Behauptung, dass die Rechteinhaber doch froh sein sollen, da sie über die Videos Geld verdienen: Let’s Plays als Werbung. Dieses Argument erinnert an Pseudo-Vergütungen für Anhänger der eher brotlosen Künste: Wenn du mir das Bild designst, den Slogan entwirfst, die Melodie komponierst, nenn ich dich beim Namen, ein Credit, das ist doch gratis Werbung für dich! Davon kann an sich aber niemand seine Brötchen kaufen. Konkrete Gewinnbeteiligungspläne wie von Nintendo fanden wenig Anklang. Noch schlimmer nur, wenn der Werbepartner nicht zur Marke oder den Unternehmenswerten passt und dennoch als Dienstleistung offenbar toleriert werden muss, um nicht als Nestbeschmutzer der Branche zu gelten.

Nachvollziehbare Gründe gegen eine zu weite Anwendung von Fair Use gibt es also durchaus. Zugebenerweise ist eine plötzliche DMCA-Grätsche aus einer eher persönlichen Aversion heraus wenig sympathisch. Zu erwähnen ist zudem, dass sicherlich Let’s Plays existieren, die unter einer Fair Use-Regelung explizit schützenswert wären. Ein Ausnahmebeispiel wäre die sehr informative Reihe von Research Indicates über das relativ wenig bekannte, aber vor allem im zeitgenössischen Kontext bemerkenswerte „Jurassic Park: Trespasser“, welches ohnehin nicht mehr regulär zu erwerben sein dürfte.

Dieselben Nutzer, die über die ihrer Meinung nach ungerechtfertigte Nutzung der DMCA-Befugnisse der „Firewatch“-Entwickler so empört waren, verfassen en mass ungerechtfertigte, negative Rezensionen auf Steam (Review Bombing). Feuer wird mit Feuer bekämpft. Vanaman bereute bereits vorher gegenüber Buzzfeed die Nutzung von DMCA, Zensur sei nicht optimal im Sinne der Redefreiheit, auch wenn PewDiePie nicht zu ihnen passe: „I regret using a DMCA takedown. Censorship is not the best thing for speech […] He’s a bad fit for us, and we’re a bad fit for him.” Auch gibt er zu, an ihm ein Exempel statuiert zu haben: „Nevertheless we made a choice to have Firewatch not associated with his channel anymore, not because he’s the most offensive person, but because he’s the biggest.”

 

Hinweis: Dieser Kommentar gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und entspricht nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion.