Aufmerksame Nutzer unseres Kurators werden es schon gesehen haben. Kimulator 2: The Bottle Flip Master wurde am 21. Juni, noch vor eigentlicher Veröffentlichung, für deutsche Nutzer des Steam Stores zum Kauf gesperrt. Die Store-Seite ist seitdem mit deutscher IP-Adresse nicht mehr ohne Weiteres erreichbar. Vor Umbenennung lautete der Titel Kimulator 2: Brother Of Time. Es ist der Nachfolger von Kimulator: Fight for your destiny [sic!] des kanadischen Indie-Entwicklers Bmc Studio. Kimulator 2 wirft im Kontext des scheinbaren Hakenkreuz-Verbots in Computerspielen die Frage auf, wann die Schwelle vom linearen Film zum interaktiven Spiel überschritten wird bzw. wann solche Symbole (wie das kleine im Titelbild) geduldet werden.

Bmc Studio, 22. Juni:

Hello! I have some news about this subject. The game won’t be sold in Germany, and the Artwork on the store page will be censured [sic!]. But the game itself will stay intact, only the store page is modifed.

Die Entfernung aus dem deutschen Steam Store erinnert an The Last Sniper VR. So griff Valve vermutlich ein, nachdem der Titel zuvor ohne große Bedenken durch den eigentlichen Publisher und Entwickler auch im deutschen Store-Angebot verfügbar gemacht wurde oder gemacht werden sollte. Bekanntermaßen handhabt Valve das Store-Angebot eher lax,  wodurch einiges leicht durchs Raster fallen kann, wie auch u.a. eine Vielzahl so genannter Asset-Flips („fake games“); eine Kuration wie bei GOG erfolgt eher nicht.

Die Parallelen zu The Last Sniper VR hören allerdings nicht auf. Auch bei Kimulator 2 haben Nutzer im entsprechenden Diskussionsforum zuvor ihre Bedenken gegenüber der rechtlichen Zulässigkeit des Angebots geäußert: „You must censor this game in germany [sic!] or you’ll get some legal problems.“.

Zudem wurde ebenso der Fehler begangen, ein Hakenkreuz direkt im Thumbnail zu verwenden. Dieses wurde auch später global entfernt (siehe Abbildung). Ohne diese fragwürdige Aufmerksamkeit wäre das Angebot vielleicht bis heute für deutsche Nutzer verfügbar. Diverse Spiele mit Symbolen sind seit Jahren noch zugänglich, teilweise mit Screenshots auf ihren Store-Seiten, welche diese klar zeigen, aber eben ohne Hakenkreuz im Vorschaubild.

 

Ob Kimulator 2 die Symbole sozialadäquat nutzt, soll nicht weiter explizit Thema dieses Artikels sein. Wir haben dies bereits öfters thematisiert, vor Kurzem zum Anlass der bestätigten Zensur in Call of Duty: WWII. Nicht von der Hand zu weisen ist sicherlich, dass Kimulator 2 einen eher geringen künstlerischen Anspruch hat. Hier erinnert der Titel in seiner Nutzung der Symbole an YouTube-Filmchen wie Nazi Sharks, welches allerdings regulär für deutsche Kunden auf Amazon Prime Video im Angebot ist.

 

Noch Film oder schon Spiel? FSK oder USK?

Der große Unterschied zu anderen Spielen besteht darin, dass Kimulator 2 nicht klar dem Medium Computerspiel zuzuordnen ist. Die offenbar einzige Interaktivität besteht in der Auswahl der nachfolgenden Sequenz, welches eher an die Szenenauswahl eines Filmes erinnert (siehe Titelbild). Laut Eigenbezeichnung auf der Store-Seite handelt es sich um eine „interactive movie comedy“. Steam bietet neben Spielen auch seit längerer Zeit Filme an. Kimulator 2 ist allerdings als „Spiel“ zugeordnet.

Auf Twitter hatten wir die USK nach der etwas bekannteren, aber durchaus vergleichbaren „Kids Interactive Adventure“-Reihe von Netflix gefragt. Dieses neue Angebot des amerikanischen Streaming-Riesens ist in der Interaktivität mit Kimulator 2 vergleichbar. Die Interaktionsmöglichkeiten ähneln auch der einer Szenenauswahl und fallen, ausgehend vom Trailer, somit rein binär aus: links oder rechts.

Unserer Meinung nach wäre es nicht auszuschließen, dass ein Hybrid existieren kann, der von beiden Einrichtungen der Selbstkontrolle, USK oder FSK, prinzipiell eine Freigabe erhalten könnte. Die sicherlich im Detail unterschiedliche Spruchpraxis der Einrichtungen soll hierbei zunächst ignoriert werden. Der momentan größte und offensichtlichste Unterschied dürfte darin liegen, dass die USK, anders als die FSK, pauschal keine Titel mit Symbolen nach §§ 86 und 86a StGB zur Prüfung annimmt.  Würde die FSK einen solchen Hybriden freigeben, die USK ihn aber ablehnen, wäre die jetzige Situation offensichtlich ad absurdum geführt.

Interview von PCGames mit Uwe Engelhard, Ständiger Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden der USK, 06. März 2014:

Videospiele und Filme haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch wesentliche Unterschiede. Beide sind audio-visuelle Medien, doch im Gegensatz zum Film sind Videospiele interaktiv. Ein Spieler ist also nicht nur Rezipient eines feststehenden Inhalts, sondern kann als Akteur in die Handlung eingreifen, die Spielwelt gestalten und so neue Bedeutungszusammenhänge konstruieren. Kurz: Spiele sind keine Filme! Deshalb ist es auch völlig legitim, wenn Spiele und Filme in bestimmten Punkten unterschiedlich behandelt werden.

Leitkriterien der USK:

Unabhängig von ihrer Vertriebsform sind Computerspiele im Unterschied zu Filmen und Büchern in erster Linie interaktive Erlebnisangebote.

Die USK prüft auch Filmwerke wie Gamescom-Trailer. Eine Suche nach „Trailer“ in ihrer Datenbank liefert über 1000 Ergebnisse. Neben diversen Anbietern von Spielen (z.B. GOG) oder Videoaufnahmen dieser (z.B. Rocketbeans) ist auch Netzkino als Film-Anbieter Mitglied von USK.Online. Dies mag alles sinnvoll im Sinne der stattfindenden Medienkonvergenz sein. Doch stellt sich die Frage, inwiefern die Trennung zwischen Computerspielen und Filmen scharf erfolgen kann. Die zitierte Ausage der OLJB überzeugt im Detail wohl wenig. Es ist uns nicht gelungen, eine klare Unterscheidung zu finden, was Spiel und was Film ist, wann die USK und wann die FSK (bzw. FSF) zuständig wäre. Eine entsprechende E-Mail an die FSK bzw. SPIO blieb leider unbeantwortet. Die Leitkriterien der USK gehen nicht im Detail darauf ein. Das JuSchG unterscheidet zwischen „Filmen und Film- und Spielprogrammen“, aber liefert auch keine näheren Erkenntnisse. Auch Rechtsanwalt Sebastian Schwiddessen stellt diese Frage in seinem Aufsatz „Hakenkreuze und verfassungswidrige Kennzeichen in Computerspielen“ in Bezug auf so genannte interaktive Filme: „Liegt in einem solchen Fall noch ein Spiel oder schon wieder ein Film vor?“.

Vielleicht hätte Kimulator 2 also nur als Film gelistet werden müssen, um mit der Benutzung der Symbole davonzukommen. Für Filme scheinen Symbole jedenfalls generell kein Problem darzustellen, so auch nicht auf Steam. Kung Fury wäre ein Beispiel, obwohl es für einen halben Tag, der Tag der Veröffentlichung, für deutsche Kunden gesperrt war. Das Spiel zum Film, Kung Fury: Street Rage, muss indes global ohne Symbole auskommen.