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Die anstehende Zensur der deutschen Version des neuesten Call of Duty-Ablegers dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein und überrascht ohnehin wenig. Spekulationen um die Zensursituation tauchten bereits kurz nach Ankündigung des Settings auf. Schließlich schreckte die Call of Duty-Reihe scheinbar noch nie vor Verwendung der in Deutschland allgemein verbotenen Symbole des Dritten Reichs zurück und tilgte diese der Industriepraxis entsprechend in den relevanten Fällen aus den deutschen Versionen. Ein Call of Duty im Zweiten Weltkrieg ohne Hakenkreuze oder anderen Nazi-Symbolen wäre schwer vorstellbar und für manch offenbar aufgebrachten Fan der Serie ein inakzeptabler Kompromiss, wie diverse Social-Media-Posts zeigen. Im DLC-Pack Zombies Chronicles von Black Ops III wurde immerhin auch schon ein derartiger Kompromiss gewählt: remasterte Karten der Zombie-Modi aus World at War und Black Ops wurden ihrer Symbolik beraubt, wie auch Censored Gaming berichtete. Die Trailer von WWII waren, wie auch zuvor immer bei Call of Duty, ohne Symbolik.

WWII wird auch tatsächlich laut Statement der Verantwortlichen nur im Singleplayer die entsprechende Symbolik nutzen. Der Multiplayer- und Zombie-Modus müssen global ohne diese auskommen. Dies könnte bereits auf eine Kompatibilitätsproblematik der Versionen zurückgeführt werden (z.B. Sniper Elite: (Nazi) Zombie Army). Auch wäre plausibel, dass YouTube-Angebote davon profierten sollen, da die Symbole vielleicht einer Monetarisierung im Weg könnten (wobei hier auch ein An/Aus-Schalter gereicht hätte). Alternativ kann auch wohlwollend die Herstellung absoluter Chancengleichheit in den kompetitiven bzw. kooperativen Modi unterstellt werden.

Im Steam-Store wird eine isolierte Lizenz für Deutschland angeboten. Alle anderen Uncut-Lizenzen (für Konsumenten) sind mit einem Regionlock versehen: somit wird offenbar die Aktivierung von Keys der Uncut-PC-Version mit deutscher IP-Adresse verweigert werden. Anders als ZeniMax mit Wolfenstein II: The New Colossus wendet Activision allerdings nicht die härtere Sperre an, die den Start und Download verhindern würde. WWII ist der erste in Deutschland angepasste Ableger der Haupt-Reihe seit sieben Jahren.

Ob auch Gewalt zensiert wird, ist nicht bekannt. In Anbetracht jüngster USK-Freigaben müsste sich Entwickler Sledgehammer Games allerdings ziemlich anstrengen, um die Schwelle zur Jugendgefährdung oder gar strafrechtlichen Relevanz zu überschreiten. Hinzu kommt aber noch, dass der Shooter laut einem Interview den Holocaust nicht ausblende und auch sonst nicht vor der Darstellung von Gräueltaten zurückschrecke: “We absolutely show atrocities. […] It’s an unfortunate part of the history, but … you can’t tell an authentic, truthful story without going there. So we went there.“, so der Senior Creative Director Bret Robbins. Gerade in diesem Kontext wäre Selbstzensur denkbar, unabhängig ob es für eine USK-Freigabe nötig wäre oder nicht, und auch obwohl der Spieler in der Kampagne klar nur in die Rolle der explizit Guten schlüpfen wird. Zum Beispiel fehlt in der entnazifizierten Version von Wolfenstein: The New Order, trotz „Gewalt ist in der deutschen Version nicht geschnitten“-Cover-Zitat der Gamestar, bekanntlich eine Szene, die vielleicht zu sehr an eben jene Gräueltaten erinnerte, und auch zuletzt riet die USK bei Steel Division: Normandy 44 zur Nachzensur des (abstrakt spielbaren) verurteilten Nazi-Kriegsverbrechers Kurt Meyer.

 

Symbole verboten, Spiel verboten?

Aufgrund der zwei bestätigten Tripple A-Releases mit Nazi-Symbolen (oder nicht) und der Aussicht auf das Zensur-Hattrick mit South Park: The Fractured But Whole wollen wir an dieser Stelle auch noch einmal kurz auf die Sache mit den Kreuzen eingehen. Wie immer bei diesem Thema sind auch jetzt wieder auf den Internetseiten der gängigen Magazine fragwürdige Formulierungen zu bestaunen und auch die Publisher tragen krude Ansichten zur Schau. Kurioserweise ist auch die Gaming-Community an sich scheinbar stets bemüht, den künstlerischen Anspruch ihres Hobbys herunter zu reden und das vermeintliche Hakenkreuz-Verbot in Spielen heraufzubeschwören, wie ein Blick in viele Kommentarsektionen und Foren beweist. Dass Rechtsexperten hier bereits weiter sind und dies differenzierter sehen, zeigte auch zuletzt der Beitrag auf GamesLaw – und das nur stellvertretend als einer von vielen.

Anders als in der Beschreibung des offiziellen Youtube-Reveal-Trailers von Wolfenstein 2 von ZeniMax behauptet, ist die Verbreitung von Wolfenstein 2 auch mitnichten „strictly forbidden by German law“ nur weil es entsprechende Symbolik nutzt. Als Erklärungsansatz für solchen Nonsens kann im Prinzip nur die bewusste Manipulation der Öffentlichkeit zwecks Akzeptanz der Selbstzensur und vor allem der tatsächlich kontroversen Region-/Geolocks herangezogen werden. Legt man Hanlon’s Razor an, könnte immerhin noch bemerkenswerte Ignoranz der Grund sein. Denn natürlich könnten entsprechende Spiele die Symbole auch legal unter der gesetzlichen Regelung der Sozialadäquanz nutzen. Nichts spricht dagegen. Anders als vielfach behauptet, sind Spiele keineswegs explizit nicht Kunst oder gar rechtlich gesehen Spielzeug – im Gegenteil, sie werden vor Gericht schon längst unter dem offenen Kunstbegriff betrachtet. Der Brachenverband BIU sitzt im Deutschen Kulturrat, und der Bund fördert und prämiert Computerspiele. Auch der große Unterschied zwischen den Medien, die Interaktivität, ist zu vernachlässigen, wenn ein Wolfenstein 2 mit über 100 Schauspieler und drei Stunden Cutscenes aufwarten soll: der Aufwand dieser Produktionen, die offensichtlichen kreativen Anstrengungen, stehen Filmen in nichts nach und wie in diesen ist eine klar ablehnende Haltung gegen den Nationalsozialismus erkennbar (in den internationalen Versionen zumindest). Gleiches wird ungleich behandelt.

Wenn South Park als TV-Show liberal Symbole nutzt, warum kann es Ubisofts zum Verwechseln ähnliche Spieleumsetzung nicht? Wenn Tarantino mit Inglourious Basterds ultrabrutale Gewalt gegen Nazis zelebriert, wieso kann dies MachineGames in Wolfenstein nicht? Wenn ein lächerliches Iron Sky Mond-Nazis und -Basen mit Hakenkreuzen dekoriert, wieso kann Call of Duty dies nicht authentisch und im ernsten Ton vor dem Zweiten Weltkrieg? Die Antwort ist klar: Selbstzensur. Ein Pauschalverbot lässt sich durch ein fast 20 Jahre altes Urteil eines OLGs gegen einen Neo-Nazi nicht ableiten. Jener hatte mit Wolfenstein 3D, das ironischerweise den Spieler auf Nazis schießen lässt, seine Ideologie verbreiten wollen. Das Urteil an sich mag korrekt gewesen sein, die unzureichende Abwägung der Legalität der Tatwaffe als solches nicht, selbst vor dem Hintergrund des damals jungen Mediums. Das einzige bekannte Urteil eines Verbreiters kommerzieller Spiele mit Symbolik. Ein Urteil, das bis heute für die USK als Anlass dient, generell keine Spiele mit Symbolen zur Prüfung anzunehmen.

Doch was kann die USK auch tun? Eine Anzeige und auch ein Verfahren bei Verbreitung auch von Wolfenstein 2 oder Call of Duty: WWII im Jahr 2017 ist durchaus denkbar und auch immer trotz USK/FSK-Freigabe möglich, auch in Bezug auf Gewaltdarstellungen nach § 131 StGB; ihr Ruf steht auf dem Spiel, ohne in der Lage zu sein, die Legalität der Symbol-Nutzung überhaupt ausreichend bewerten zu können. Wenn aber keiner veröffentlichen will, gibt es auch keine neue Entscheidung und es wird nie die (vermeintliche) Rechtssicherheit angeboten werden, die eine USK-Freigabe verspricht. Die USK wird ihre Prüfungsordnung (bzw. den -Antrag) von sich aus wohl nie ändern und die Norm des Strafrechts bedarf sowieso keiner Änderung. Potentielle Kosten oder der Zeitaufwand für Kläger sind Ausreden, die deutschen Versionen sind enorm teuer, der Zeitverlust kann ausgeglichen werden. Die Angst als (potentieller) Verbreiter bei einer Klage für die USK-Freigabe belangt zu werden, scheint auch abwegig, geht es doch um einen Verwaltungsakt vor einem Verwaltungsgericht. Die zentrale Frage lautet: kann oder sollte es die Spieleindustrie wagen, ihr Recht auf ein „Nazi-Spiel“ einzuklagen, wenn bereits die Fachpresse und ihre Leser oftmals die internationalen Versionen für illegal erklären? Brauchen wir nach der „Killerspiel-Debatte“ noch eine „Nazi-Spiel-Debatte“?

 

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