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Ein unverfälschtes, komplettes und zum Rest der Welt inhaltsgleiches Spielerlebnis ist vielen deutschen Spielern ein wichtiges Anliegen. Dies zeigen nicht nur Umfragen unserer Gruppe, sondern auch die regelmäßigen UncutAnkündigungen auf Nachfrage oder in Pressemitteilungen: Man freue sich, den entsprechenden Titel ungeschnitten, ungekürzt, unzensiert oder unverändert in Deutschland veröffentlichen zu können. Spätestens seit der groben Irreführung Activisions bei Call of Duty: Modern Warfare 2 sollten Kunden jedoch wissen, solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen.

Auf deutschen Retail-Versionen werden auch heute noch häufig die berüchtigten „100% Uncut“-Versprechen prominent auf den Front-Covern aufgedruckt oder aufgeklebt. Folgend findet ihr eine selbst erstellte, ausführliche Bildersammlung mit insgesamt 84 Veröffentlichungen, die solch einen oder ähnlichen Hinweis bieten. Dabei wurde jeweils maximal eine Version/Auflage pro Spiel betrachtet (also bei z.B. PS3- und Xbox 360-Version nur eine der beiden):

Imgur-Album mit „100% Uncut“-Covern.

Symptomatisch steht dieses Phänomen für die Auswirkungen des deutschen Jugendschutzes und Strafrechts. Kein anderes europäisches Land kennt derartige, umfangreiche Anpassungen für den lokalen Markt, so dass solche Hinweise als positives Verkaufsargument kaum Sinn ergeben würden (eine Ausnahme: Saw: The Video Game). Umgekehrt findet man bei Filmen im Ausland selten auch Werbe-Botschaften in Form von z.B. „Banned in Germany“ (in Deutschland ist es übrigens verboten, mit einem Indizierungsverfahren als Verkaufsargument zu werben (§ 15 Abs. 5 JuSchG)).

Generell ist es natürlich zu befürworten, wenn Spiele auch in Deutschland unverändert erscheinen. Dies gilt vor allem dann, wenn es in einer Liberalisierung der Spruchpraxis der USK und BPjM aber auch der Strafrichter aufgrund der gestiegenen gesellschaftlichen Akzeptanz für das Medium begründet ist. Ein Uncut-Hinweis kann in bestimmten Fällen sehr sinnvoll sein, wie z.B. der Ultimate Edition von Fallout New Vegas. Bei anderen Titeln besteht eher die Gefahr, dass Konsumenten gewöhnt werden, automatisch davon ausgehen, dass Spiele ohne Uncut-Hinweis geschnitten seien, was keineswegs der Realität entsprechen muss und auch nicht den Normalfall darstellen sollte.

Eine globale Vorabzensur eines Spieles während der Entwicklungsphase, auch um unter anderem eine Uncut-Version in Deutschland anpreisen zu können, scheint in Einzelfällen wiederrum naheliegend, vor allem auch, da die USK einen kostenpflichtigen, entwicklungs-begleitenden Beratungsservice für jugendschutztechnische Fragen zu Inhalten anbietet. Die USK selbst erkennt diesen Umstand an (Jahres-Statistik 2014):

[Das sehr niedrige Niveau an verweigerten Kennzeichen im Jahr 2014] zeigt, dass sich die Unternehmen immer besser auf deutsche Jugendschutzkriterien einstellen und diese bei der Entwicklung von Spielen für den internationalen Markt bereits von Anfang an mit einbeziehen.

Auch der noch amtierende Geschäftsführer Felix Falk bestätigte diese Annahme u.a. in einem Interview mit Pixelwarte:

Lokalisierte Spiele sind jedoch heute bei weitem nicht mehr so häufig der Fall wie noch vor einigen Jahren. Das liegt unserer Meinung nach vor allem daran, dass Vertreter der USK das deutsche System Spiele-Entwicklern immer wieder vorgestellt haben, sodass diese noch bei der Entwicklung bestimmte Szenen generell nicht einbauen und das Spiel dann auch in Deutschland in der internationalen Originalversion eine USK-Freigabe erhält.

Stellvertretend für die Branche sei Avni Yerli, Geschäftsführer von Crytek, anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der USK zitiert:

Die umfassende und kompetente Beratung sucht weltweit ihresgleichen und sorgt dafür, dass wir die deutschen Standards auch international für unsere Spiele anwenden.

Ein paar Anmerkungen zu den Spielen im Album und auch zur Wahrhaftigkeit der Behauptungen:

  • Call of Duty: Black Ops 2 – Die ungepatchte und offline gestartete USK-Konsolen-Version (ggf. nur Erstveröffentlichung) ist zensiert im Zombie-Modus.
  • Darksiders – Bei eingestellter deutscher Spielsprache geschnitten im Prolog-Level.
  • Doom 3 BFG – Global zensiert (Bonus-Level aus Wolfenstein). Aber, wie der Störer auch richtig sagt, „International version“.
  • Fallout New Vegas – Nur die später veröffentlichte Ultimate Edition ist ungekürzt und trägt den Hinweis.
  • Half-Life – Die unzensierte USK-18-Version wurde später indiziert (USK-Freigaben schützen erst seit der Reform im Jahre 2003 vor Indizierung).
  • Metal Gear Solid V: The Phantom Pain – Nur die Konsolen-Versionen tragen den Hinweis. Die Steamworks-PC-Version ist global entsprechend der japanischen CERO-Version zensiert.
  • Sniper: Ghost Warrior – Bei den USK-Version ist das Intro-Video zensiert. Dies gilt auch für die Version im deutschen Steam-Store.
  • Sniper: Ghost Warrior 2  – Global vorabzensiert. Ein gratis Uncut-DLC mit Dismemberment wurde in Aussicht gestellt (außer für Deutschland), aber nie ausgeliefert.
  • Vampire: The Masquerade – Bloodlines – Die Intro-Sequenz der USK-Version ist geschnitten. Auf Steam ist die Situation unübersichtlich und das Intro wohl global zensiert, wobei die Version im DE-Store explizit eine Zensur-Warnung hat.
  • Wolfenstein: The New Order – Es existiert eine Gewaltzensur, die man aber der Tilgung aller Referenzen zum Dritten Reich zuordnen kann. Außerdem wird hier, als einziges von allen Fällen, ein Spiele-Magazin zitiert.
  • World in Conflict – Veröffentlicht wurde eine zensierte USK-16-Version und eine „Uncut Edition“ ohne Jugendfreigabe.

 

Hinweis: Mit Launch der Webseite wurde der ursprüngliche Artikel leicht überarbeitet und das Zitat von Avni Yerl ergänzt.