Der Virtual-Reality-Shooter The Last Sniper VR des kanadischen Entwicklers Robert Weaver (Brilliant Game Studios) wurde am 03. August weltweit auf Steam freigeschaltet, nachdem er zunächst genügend Zustimmung durch die Community via Greenlight erhalten hatte. Schnell sicherte es sich einen prominenten Platz unter den „beliebten Neuerscheinungen“ auf der Steam-Hauptseite. Als Vorschaubild des immersiven Ego-Shooters mit Zweiter-Weltkriegs-Thematik wurde ein großes Hakenkreuzbanner mit dem Symbol sprichwörtlich im Fadenkreuz gewählt; und so wurde es auch im deutschen Store-Angebot beworben. Der auf der Store-Seite eingebundene Trailer wird mit dem Horst-Wessel-Lied begleitet, was dem Gameplay eine trügerische Beschwingtheit verleiht. Umgebungen im virtuellen Nazi-Deutschland sind historisch-korrekt mit reichlich verfassungswidrigen Symbole dekoriert. Eine deutsche Lokalisierung wird nicht angeboten.

Produktbeschreibung: Travel back in time to WW2 and experience what it was like to fight as a soldier in room space Virtual Reality. The Last Sniper aims to simulate the sounds, visuals and feel of what it might have been like to be a soldier in a truly massive and horrifying war.

Der Aufschrei

Sofort kamen laute Schreie von Nutzern im offiziellen Diskussionsforum auf: „Bought before it gets banned in Germany“, „pretty brave to release it uncensored in germany.

In der Diskussion zu dieser Thematik meldete sich der Entwickler selbst zu Wort. Er äußerte seine Vermutung, dass das Spiel nicht in Deutschland beschlagnahmt/verboten werden würde bzw. bereits wäre, und erklärte seine Haltung zu der angeblichen Kontroversität seines Werkes:

Developer of Last Sniper Here. To me it seems unlikely this game would be banned in Germany. If it did though, this would really concern me. Not just because I value all customers, but because it seems like a violation of freedom of speech. WW2 happened, the swastika is merely a symbol of the ‘unconquerable’. It should not be shunned, but seen as a piece of history that we can all learn and grow from. I choose to allow the player to play from both sides in this game. Most movies and games only show from the point of view of the allies. I think both sides made sacrifices beyond words and all the veterans deserve our full and utmost respect.

Just my thoughts, hope you all enjoy The Last Sniper. 🙂

Wer ist verantwortlich?

Doch warum wurde der Titel einen Tag nach Release für deutsche Kunden entfernt? Sicherlich nicht aufgrund eines deutschen Gerichts. Eine Beschlagnahme nach § 86a StGB würde noch Monate, wenn nicht Jahre dauern, und das nur, falls der rein digital vertriebene Titel überhaupt die nötige Aufmerksamkeit erlangt; nur insgesamt vier Computerspielen über einen Zeitraum von 22 Jahren ist diese fragwürdige Ehre überhaupt zuteil geworden. Normalerweise werden Gerichte bzw. die Staatsanwaltschaft nur nach einer Liste-B-Indizierung (vermutete strafrechtliche Relevanz) durch die BPjM hellhörig. Doch die BPjM indiziert keine Titel aufgrund der Verwendung von Symbolen nach § 86a StGB (vgl. § 15 JuSchG). Auch sonst besitzt keine Stelle die Kompetenz, eine solche Store-Entfernung durchzusetzen bzw. zu erzwingen. Die neuen Wolfenstein-Ableger von 2014/15 sind zum Beispiel in ihrer internationalen Version weder indiziert, noch beschlagnahmt; wie The Last Sniper VR sind sie ungeprüft und unterliegen zunächst nur, unabhängig von ggf. bestehenden Verboten, denselben Beschränkungen wie bei einer KJ-Freigabe der USK.

Nein, es war Valve, der Betreiber von Steam. Der Titel erregte zu viel Aufmerksamkeit ähnlich wie Hatred, das nach der Preorder-Phase vorsorglich für Deutschland und Australien gesperrt wurde. Es wären massenweise Meldungen des Store-Angebots von Nutzern denkbar, die es entweder auf naive Weise gut meinten und dachten, die Veröffentlichung würde den Macher unmittelbar in Schwierigkeiten bringen, oder schlicht den Anblick eines Hakenkreuzes aufgrund falschem Rechtsverständnis in einem Computerspiel nicht ertragen können, obwohl das Symbol in jedem noch so schlechten Trash-Film und jeder Dokumentationen fragwürdiger Qualität und Relevanz über „Hitlers Helfer“ und Konsorten toleriert werden kann.

Valve forderte Brilliant Game Studios auf, eine zensierte Version zu erstellen, wenn sie den Titel weiterhin für den umsatzstarken deutschen Markt anbieten möchten:

Hey everyone. It’s early morning over here in Canada. Yes Valve has reached out to me telling me they temporally removed it from Germany. They asked that I make a censored version of the game, which I will do. I cannot say exactly when I will be able to release the censored version but I will try my best. I apologize for the inconvenience.

Doch Valve verfügt über Kontrollmechanismen, prüft also die Titel vor Veröffentlichung, was auch einige Tage dauern kann. Wie konnte das Spiel überhaupt durch das Raster fallen bei der gegebenen Offensichtlichkeit der Symbole? Anscheinend gibt es auch interne Richtlinien für Publisher, die diktieren, Spiele mit solchen Symbolen nicht für deutsche Nutzer anzubieten (weiteres Beispiel). Warum werden dann ein halbes Dutzend Spiele seit Jahren im deutschen Store verkauft, obwohl die Hakenkreuze offensichtlich sind; haben die Publisher/Entwickler doch das letzte Wort oder wurden diese Spiele übersehen?

War die Entfernung rechtlich sinnvoll?

§ 86 StGB (3), Hervorh. d. Verf.: [Die Verbote gelten] nicht, wenn das Propagandamittel [in diesem Fall das reine Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (vgl. §86a Abs. 3 StGB), Anmerk. d. Verf.] oder die Handlung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient.

Die zitierte Sozialadäquanzklausel zeigt: Hakenkreuze sind in Spielen erlaubt. Diese Aussage mag kontrovers sein, war aber schon immer korrekt und wird es auch bleiben. Ein Pauschalverbot kann es nicht geben; es verstieße gegen die Kunstfreiheit und wäre verbotene Vorzensur. Das Strafgesetz unterschiedet zwischen keinem Medium; wenn es „Schriften“ sagt, meint es Fiktion. Bindend wirkende Grundsatzentscheidungen kann es, wenn überhaupt, nur durch das Bundesverfassungsgericht oder ähnlich höchstrichterliche Entscheidungen geben. Das Wolfenstein-3D-Urteil von 1998 durch ein Oberlandesgericht, bei dem nicht einmal die Sozialadäquanzregelung in Betracht gezogen wurde, fällt nicht darunter. Die in der Rechtsauslegung so wichtige, herrschende Meinung besagt, dass das damalige Urteil überholt sei – und das gelte auch für andere zu diesem Themenbereich wie der sehr zweifelhafte Beschluss bezüglich Wolfenstein (2009) nach §§ 86a und 131 StGB durch ein Amtsgericht. Was vor knapp 20 Jahren in Anbetracht des jungen, wenig akzeptierten Mediums gängig erschien, ist heute nur noch schwer nachvollziehbar. Auch der für Telemedien und damit Steam-Angebote wichtige Jugendmedienschutz-Staatsvertrag würdigt die Regelung der Sozialadäquanz (§ 4). Des Weiteren ist die Option der teleologischen Restriktion (einschränkende Gesetzesauslegung eines Gerichts) zu erwähnen.

Die USK bzw. die Ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörde verweigern pauschal die Prüfung von Spielen mit solchen Symbolen. Sie sind an die vorherrschenden Urteile gebunden: „Ein Verwaltungsakt ist nichtig, soweit er an einem besonders schwerwiegenden Fehler leidet und dies bei verständiger Würdigung aller in Betracht kommenden Umstände offensichtlich ist.“ (§ 44 Abs. 1 VwVfG). Sie können das Risiko, eine Freigabe zu erteilen, die offensichtlich nichtig sein könnte, nicht eingehen, auch wenn sie es vielleicht gerne täten – USK-Freigaben sind hoheitliche Verwaltungsakte ähnlich wie Baugenehmigungen.
Eine USK-Kennzeichnung ist allerdings notwendig für den Release auf Konsolen in Deutschland oder allgemein als Retail-Version. Publisher, die Mitglied des Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware sind, können nur USK geprüfte Titel veröffentlichen und Microsoft, Sony sowie Nintendo sind Mitglieder. Eine Eigenzensur erscheint momentan unumgänglich. Auch verleiht eine USK-Prüfung Schutz vor einer Indizierung und Rechtssicherheit bei Beschlagnahme oder Einziehung, wo für den Verbreiter des Mediums dann ein sogenannter strafloser Verbotsirrtum vorläge.

Für Indie-Entwickler mit rein digitalem Vertrieb eines PC-Spieles z.B. via Steam ist die Lage einfach. Eine ungeprüfte Veröffentlichung ist gängige Praxis. Die 1200€ teure USK-Prüfung wird nur eingeholt, wenn es sein muss. Wenn ein jahrelang ungeprüft auf Steam verkaufter Titel plötzlich in der USK-Datenbank auftaucht, heißt das meist eines: eine Retail- oder Konsolenversion steht an.

Die Entfernung aus dem deutschen Steam-Store ist ein Rückschritt im Prozess der Akzeptanz des Mediums Computerspiel. Sicherlich ist es auch immer eine Einzelfallentscheidung und erfordert Rechtsberatung oder Mut (oder einen Wohnsitz außer Reichweite der deutschen Jurisdiktion). Wenn Titel X unter der Sozialadäquanzklausel fallen könne, und dies richterlich entschieden würde, müsste es nicht für Titel Y gelten. Ob The Last Sniper VR als Musterbeispiel dienen könnte, sei zudem dahingestellt. Eine pauschale Ablehnung oder Entfernung aufgrund nicht vorhandenen Rechtsverständnisses und mangelnder Reflektion ist jedoch entschieden abzulehnen, denn Spiele haben bereits jetzt Kunstcharakter und sind keineswegs rechtlich mit Spielzeug gleichgesetzt: dies wurde in diversen anderen Bereichen richterlich anerkannt und abgewogen.

Folgen für die deutschen Nutzer

Das Spiel ist – wie über 90 andere – ausschließlich im deutschen Steam-Angebot nicht mehr zu erwerben. Keys und Steam Gifts können aber weiterhin aktiviert werden. Reviews können nicht mehr verfasst werden, da man nicht mit deutscher Store-Region auf die Produktseite zugreifen kann. Der Besitz und die private Nutzung ist weiterhin erlaubt; § 86a StGB verbietet, falls der Straftatsbestand erfüllt würde, nur die (Absicht zur) Verbreitung. Eine zensierte Version wurde, wie von Valve angefragt, angekündigt; dies hat keine negativen Folgen für Besitzer der unzensierten Version. Deutsche Greenlight-Supporter des Spieles könnten entäuscht sein, da der Titel auch erst durch ihre Zustimmung auf Steam veröffentlicht werden konnte.

Zum Nachschlagen:

Liesching, Marc. 2010: Hakenkreuze in Film, Fernsehen und Computerspielen – Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen in Unterhaltungsmedien.

Scheyhing, Michael. 2015: Und ewig trübt das Kreuz – Hakenkreuze in Videospielen.

Schwiddessen, Sebastian. 2015:  Hakenkreuze und verlassungswidrige Kennzeichen in Computerspielen.

 

Wir danken unserem Leser Meto für den Hinweis zu dieser Meldung.