Es ist schon wieder passiert. Wieder erschien einem Menschen seine Lage aussichtslos, seine Umwelt erschien ihm zu feindlich, um weiter in ihr zu bleiben. Ein Mensch dem Schaden zugefügt wurde, psychologisch, vielleicht auch physisch. Ein Mensch, der anscheinend psychische Probleme hatte. Ein Mensch der Hilfesignale ausgesendet hatte, die entweder nicht erkannt, nicht gehört, missverstanden oder nicht ernst genommen wurden. Schaden, der mit Schaden abgegolten werden sollte. Ein krudes Verständnis von Gerechtigkeit bei einem zum Täter gewordenen Opfer, der keinen anderen Weg mehr sah. Geltungsbedürfnis, pathologische Introvertiertheit, verletztes Ehrgefühl, Sich-gekränkt-fühlen – wir werden kaum erfahren, was genau in diesem Menschen los war, denn wir fragen meist erst hinterher nach. Hier hat der Täter sich jedoch bereits selbst gerichtet.

Es ist schon wieder passiert. Die Öffentlichkeit giert nach Infos und Neuigkeiten – will jeden Winkel des Live-Krimis beleuchtet sehen. Erfindet teilweise selbst noch etwas hinzu, damit es spannend bleibt, falls über die Live-Ticker gerade keine Informationen eintrudeln. Auch mal wichtig sein. Die Polizei bei ihrer Arbeit behindern. Möglichst der erste sein, der Informationen verbreitet, auch wenn sie noch nicht verifiziert werden konnten. Hier mischen die alten Medien teilweise kräftig mit. Aber auch ehrliche Hilfe wird angeboten, um den Ordnungshütern die Arbeit zu erleichtern. Um wieder Ordnung ins Chaos zu bringen. Die Einen möchten hautnah (am Bildschirm) dabei sein, die Anderen sind froh, nicht in der Nähe zu sein oder Angehörige vor Ort zu haben. Wieder andere kennen die Schrecken und die Angst persönlich, fühlen sich in der Zeit zurückgerissen, können nicht mehr schlafen. Sofort und ständig verfügbare Information – der Segen und der Fluch unserer Zeit, dem man sich kaum entziehen kann. Hat man doch schon früher gesagt: „selig sind die Ahnungslosen“.

Es ist schon wieder passiert. Die Menschen, denen wir die Leitung unseres Landes, unserer Freiheit, unserer Sicherheit anvertraut haben, wissen, dass wir Antworten und Zusicherungen erwarten. Sie können nicht sagen, dass sie erstmal abwarten wollen, was die Ursachen sind, was die Ermittlungen ergeben, um dann überlegt zu handeln. Das würden wir ihnen als Schwäche, als Gerede, auslegen – zumindest die meisten von uns. Ein ehrliches „die Antworten würden Sie (unnötig) verunsichern“, um Panik zu vermeiden, wird ihnen hinterher vorgehalten – das sagen sie also nicht nochmal. Aktionismus ist gefragt. Irgendwas tun, oder so tun als würde man was tun. Erst einmal sagen was alles Ursachen sein könnten – Rundumschlag. Gesetze verschärfen, deren Verschärfung in der Vergangenheit ohne Kontrolle auch nicht viel gebracht hat, da dafür kein Personal zur Verfügung steht – weiß man ja alles. Trotzdem erstmal fordern und der Menge entgegenrufen. Wenn man hinterher doch nichts machen kann, ist hoffentlich die Aufregung schon wieder vorbei und die Öffentlichkeit hat mit anderen Entwicklungen zu tun. Totale Sicherheit kann man ohne totale Aufgabe der Freiheit sowieso nicht ernsthaft versprechen, wahrscheinlich nicht mal mit vollständiger Aufgabe aller Rechte und Freiheiten garantieren.

Es ist schon wieder passiert. Der Rundumschlag von Medien und Politik verunsichert die Empfänger des Schlages. „Schon wieder wird über uns geredet“, „Wann wird endlich mit uns geredet, die anderen Seiten der komplexen Situation begutachtet?“. Beißreflex. Abwehrhaltung. „Ich habe damit nichts zu tun!“, „XYZ ist/sind doch nicht alleine schuld am Geschehen!“, „Lass mich bloß mit Deiner Schuldzuweisung in Ruhe! – Halt die Klappe!“. Menschen müssen sich für das Fehlverhalten anderer verantworten – glauben sie zumindest zu müssen. Zu oft sind sie schon kollektiv in Haftung genommen worden. Die Stimmungsmache wird erwidert: „Die haben doch keine Ahnung“, „Denen darfst Du eh nichts glauben“, „Die da oben wähle ich nie wieder!“.

So stehen wir hier und können nicht anders. Oder doch? Lässt sich der ewige Kreislauf durchbrechen?

Schuldzuweisungen bringen zumindest nichts. Unsere Gesellschaft hat generell ein Problem, wenn die Situation eines Einzelnen so außer Kontrolle geraten kann. Aus seiner/ihrer eigenen Kontrolle, aus der Kontrolle der Gesellschaft. Wie können wir erreichen, dass die richtigen Fragen rechtzeitig gestellt werden und wenn dann erkannt wird, dass ein Problem besteht, auch Hilfe zur Verfügung steht und nicht wegen Kürzungen in Haushalten abgebrochen wird oder der Inanspruchnahme der Hilfe selbst ein Stigma in der Gesellschaft innewohnt? Kann ein Laie die Anzeichen erkennen? Ist es utopisch anzunehmen, dass Mobbing-Täter jemals aus solchen Ereignissen lernen bzw. erkennen, was sie eigentlich anrichten? Kann man Integration und Freundschaften erzwingen, wenn ein anderer Mensch nicht der eigenen festgelegten Norm entspricht?

Der Bundesminister des Inneren mahnt eine breite gesellschaftliche Debatte über gewalthaltige Spiele an. Ich gehe noch weiter, wir brauchen eine Debatte über alle gewalthaltigen Medien. Ich meine damit ALLE Medien: Bücher, Kunstwerke, Fernsehen, Zeitung, Film, Internet und Spiele. Attentäter haben sich in der Vergangenheit auf ihre Taten vorbereitet und auch mit Medien berauscht: zu 27% mit Filmen, 24% Büchern, 12% Spiele (Quelle: Vossekuil et al. The Final Report and Findings of the Safe School Initiative, 2002). Nehmen wir an, dass Jahrzehnte lang, gewalthaltige Medien von Erwachsenen konsumiert wurden und daher eine Gefährdung von diesen Medien per se ausgeht, obwohl die Fallzahl dann eigentlich höher sein müsste? Wo ist die Schwelle, ab der ein Mensch Fiktion von Wirklichkeit unterscheiden kann? Ist die Darstellung realer Gewalt ähnlich vermeintlich verrohend – wieso darf sie dann in der Berichterstattung gezeigt werden? Dort haben doch auch viele Menschen eine gesunde Haltung und Abstand zu.

Eine breite Gesellschaftsdebatte heißt auch, dass nicht wieder von einer kleinen Deutungsoligarchie (Falsch-)Aussagen mit der Gießkanne gestreut werden. Es bedeutet einen langen Prozess, in den alle Beteiligten eingebunden werden und der bestenfalls kontinuierlich weitergeführt wird. Es bedeutet den ersten Schritt zu machen und festzustellen, dass Verbote nichts bewirken oder eine verbotene Frucht gar die Attraktivität noch erhöht. Die Spielergemeinde ist nach der letzten sogenannten „Debatte“ entfremdet von alten Medien und Politik. Viele Gamer wollen gar nicht mehr zuhören, haben keine Lust sich einer einseitigen Debatte zu stellen, denn sie erwarten nichts Konstruktives von ihren Altvorderen. Sie schaffen sich ohnehin eine eigene „Subkultur“ – wie es einige ebendieser Altvorderen nennen.

Und doch gerade jetzt müssen sich diese stigmatisierten, jungen Menschen, die inzwischen gar nicht mehr so jung sind wie damals, auf eine Diskussion einlassen. Wenn ihnen jetzt zugehört wird, hören sie bestimmt auch selbst zu. Jetzt ist die Chance, Gräben zuzuschütten und allen, die es wollen, im gleichberechtigten Gespräch zu begegnen. Das Gesprächsangebot wurde diesmal vor dem Beginn der Debatte von den Altvorderen ausgesprochen. Es scheint diesmal keine Hexenjagd zu werden. Erst wenn wir das Angebot anzunehmen beginnen, wird sich zeigen, ob es tatsächlich ernst gemeint war.